Unsere Geschichte

Ein Bund mit Rückgrat

Die Nachkriegsjahre waren hart, aber es ging in kleinen Schritten wieder aufwärts; die Landwirtschaft erlebte einen bescheidenen Aufschwung. Dieser wurde durch die Weltwirtschaftskrise 1929 jäh unterbrochen. Es folgte eine Zeit beinah schlimmer als nach dem ersten Weltkrieg: 

Die Arbeitslosigkeit stieg, Agrarprodukte konnten nicht mehr verkauft werden, die Viehpreise verfielen. Zur Kalmierung der Situation trat der Niederösterreichische Bauernbund der NÖ Heimwehr bei, um dem gemäßigten Landesführer Julius Raab den Rücken zu stärken. Eine tiefe Kluft zwischen bäuerlich-gewerblichem Bürgertum und Arbeiterschaft hatte sich aufgetan.

Josef Sturm war Bauernbunddirektor, Engelbert Dollfuß Landwirtschaftsminister. Die bäuerliche Realität war geprägt von Verschuldung, Versteigerungen und Verlustbetrieben. 

Im Bauernbund gab es inzwischen einen neuen Mann an der Spitze, der verantwortlich werden sollte für den weiteren Weg Österreichs: Leopold Figl. 1933 wurde er mit 31 Jahren Direktor dieser größten Organisation des christlichsozialen Lagers, als Reichsbauernbunddirektor auch österreichweit für die Organisation des großen Bundes verantwortlich. 

Am 2. Februar 1934 marschierten 100.000 Bauern über die Wiener Ringstraße, um ein Treuebekenntnis zu einem freien unabhängigen Österreich abzulegen. Die Bauernbundführung wollte damit vor allem dem Ausland zeigen, dass die Menschen ihren Glauben an Österreich nicht verloren hatten. 

Tanzen für die studierende bäuerliche Jugend

Eine ganz besondere Premiere fand außerdem in diesem Jahr statt: Am 6. Jänner 1934 ging der allererste Bauernbundball über die Bühne. Bereits damals veranstaltet von der Akademikergruppe, sollte (wie heute) der Reinerlös Studierenden aus der Land- und Forstwirtschaft zugute kommen. Leopold Figl gehörte zu den großen Unterstützern dieses Balles. Kam er doch selbst aus armen Verhältnissen, wusste also, wie unverzichtbar finanzielle Unterstützung für junge bäuerliche Studierende war. Gute Ausbildungen zu finanzieren, war damals (wie heute) Ziel dieses Balls.

1934 wurde jedoch nicht nur getanzt, im Gegenteil …: Am 25. Juli 1934 wurde Kanzler Dollfuß im Auftrag Hitlerdeutschlands von nationalsozialistischen Putschisten erschossen. Er war Hitlers erstes Opfer in dieser schweren Zeit und der einzige amtierende Regierungschef, der für die Freiheit und Souveränität seines Heimatlandes das Leben lassen musste.

Der bisherige Justizminister Kurt Schuschnigg übernahm nun das Amt des Bundeskanzlers. Figl und Schuschnigg arbeiteten im Kampf um ein unabhängiges Österreich eng zusammen. Mit Agrarexperten der Landwirtschaftskammer wurden Konzepte erstellt, um durch verstärkten Absatz den Bauern und durch billige Angebote den tausenden Arbeitslosen zu helfen. 

In den vielen Versammlungen, die der junge Bauernbunddirektor Leopold Figl in verschiedenen Orten des Landes hielt, setzte er sich nicht nur mit agrarischen Fragen, sondern immer wieder auch mit der Hetzpropaganda der verbotenen NSDAP auseinander.

Doch alles war umsonst: Am 11. März 1938, noch einem Tag vor dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland, waren tausende Bauern nach Wien gekommen, um der Welt zu dokumentieren, dass Österreichs Bauern zu ihrer Heimat stehen, als Figl und Reither zu Schuschnigg gerufen wurden. Sie mussten die Übernahme Österreichs durch die deutschen Nationalsozialisten miterleben und standen bis zu Schuschniggs letzten Worten „Gott schütze dieses Österreich“ an seiner Seite. 

Für die nächsten sieben Jahre sollte der Bauernbund unter den Nationalsozialisten verboten sein, er bestand jedoch in seinen Strukturen illegal weiter. Allerdings fehlten die Führungsfiguren, denn Reither und Figl waren als glühende Österreichpatrioten ins Konzentrationslager transferiert worden. Dort gelobten sie, wenn sie überlebten und Österreich wieder Freiheit und Selbstständigkeit erlangen sollte, zum Dank jedes Jahr Niederösterreichs Bauern in einer Wallfahrt nach Mariazell zu führen. Im Herbst 1947 sollten die beiden ihr Gelöbnis in die Tat umsetzen können. Mehr als 15.000 Menschen nahmen an dieser allerersten NÖ Bauernbundwallfahrt teil. 

„Österreich isst frei“: Wegbereiter Leopold Figl

Figls erster Weg nach seiner Befreiung aus dem KZ führte ihn am 12. April 1945 in das Bauernbundhaus in der Schenkenstraße 2 in Wien. Er war einmal mehr die zentrale Figur des Bauernbundes, das Bauernbundhaus das Zentrum des Wiederaufbaus. Mehr als 12.000 Bauernhöfe waren zerstört, Niederösterreich war durch die flächendeckende sowjetische Besatzung schwer beeinträchtigt. Dennoch herrschte Aufbruchsstimmung. Der Niederösterreichische Bauernbund wurde am 14. April wieder gegründet, am 17. April die ÖVP als neue Partei.

Nun begann Figls Kampf für die Freiheit Österreichs. Er war der perfekte Außenminister, konnte mit allen gut reden, hatte das Vertrauen der Westmächte genauso wie das der Sowjetunion. Die Übung gelang: Am 15. Mai 1955 konnte der langersehnte Staatsvertrag im Belvedere unterzeichnet werden.

Der Staatsvertrag ermöglichte auch das land- und forstwirtschaftliche Wiederaufbaugesetz, das Kleinst-, Klein- und Mittelbetrieben durch Beihilfensummen große Unterstützung brachte. Auch die Erleichterung bei der Grunderwerbs- und Erbschaftssteuer und die Befreiung der kleinen und kinderreichen Betriebe von der Besatzungskostensteuer darf sich der Bauernbund (zu dieser Zeit) auf seine Fahnen heften.

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